Bootstrapping
Die "klassischen" Finanzierungsformen (Fremdkapital, externes Eigenkapital) haben eines gemeinsam: Je nach Art und Höhe verursachen sie nicht unwesentliche Kosten in Form von Zinsen oder die Abgabe von Unternehmensanteilen. Da beides für den Gründer grundsätzlich erst einmal nicht positiv bewertet werden kann, macht es u.U. durchaus Sinn, Kreativität walten zu lassen und sich zu überlegen, auf welche weiteren Finanzmittel er zurückgreifen kann, die diese Nachteile in geringerer Form oder gar nicht aufweisen.
Das sog. "Bootstrap Financing" hat zum Teil Züge einer Innenfinanzierung, allerdings werden hier nicht die in der wissenschaftlich bekannten Literatur genannten Wege, sondern sehr unkonventionelle und zum Teil auch riskante Wege beschritten, die in der englisch-sprachigen Literatur unter dem Begriff des „Bootstrap Financing“ zusammengefasst werden.
Das Erfolgspotential dieser Finanzierungsform lässt sich daran ablesen, dass 94% der High-Tech-Unternehmen der USA angeben, diese Art der Finanzierung bei der initialen Beschaffung von Eigenkapital eingesetzt zu haben. Ebenso haben 80% der 500 am schnellsten wachsenden Unternehmen der USA im Privatbesitz diese Finanzierungsart benutzt.
Vereinfacht meint Bootstrapping nichts anderes als
- die Vermeidung, Senkung oder Verschiebung von liquiditätswirksamen Ausgaben und
- die Erhöhung oder das Vorziehen liquiditätswirksamer Erträge
und bezweckt die Verbesserung der Liquidität und damit das Herauszögern der Notwendigkeit einer externen Kapitalaufnahme durch eine Kredit- oder Beteiligungsfinanzierung.
Zugrunde liegt die Überlegung, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Entwicklung schon weiter ist, ergo der Wert des Vorhabens größer ist und damit potentiell günstigere Konditionen bei einer externen Finanzierung ausgehandelt werden können. Ein weiterer Vorteil ist sicherlich auch, dass die Suche nach einer Finanzierung selbst einen nicht zu unterschätzenden Aufwand an Zeit darstellt, die gerade in der Startphase eines Unternehmens auch inhaltlich gewinnbringender verwendet werden kann. Außerdem wird ein Investor nach erfolgter Finanzierung die Gründer und das Unternehmen kontrollieren. Ein Auskommen ohne externe Beteiligungsmittel gibt den Gründern also auch mehr Freiraum und Autorität „im eigenen Hause“.
Die Methoden des Bootstrapping können so naheliegende Optionen wie das Leasen von benötigtem Equipment anstatt eines Kaufs sein, aber auch den kreativen Umgang mit privaten Kreditkarten, private Kredite von Freunden und Bekannten bis hin zu Lieferantenkrediten und Vorschusszahlungen von (zukünftigen) Kunden beinhalten. Eine oft praktizierte Möglichkeit ist auch der Verzicht auf Lohn und Gehalt, um die Liquidität des Unternehmens zu schonen. Wird diese Praxis allerdings auch auf Angestellte und nicht nur die Gründer selbst angewendet, so stellt dies aus arbeitsrechtlicher Sicht ein riskantes Vorgehen dar.
Natürlich birgt Bootstrapping aber auch den Nachteil, dass auf diese Art und Weise gegebenenfalls nicht genügend finanzielle Mittel für das gewünschte Wachstum zur Verfügung stehen und das Unternehmen gegenüber vielleicht schon vorhandenen (und außenfinanzierten) Wettbewerbern zurückfällt. Ein Einsatz dieser Finanzierungsmentalität ist also zu jedem Zeitpunkt mit Bedacht und Voraussicht vorzunehmen.